Rydberg-Qubits sind eine neuartige und hochinteressante Plattform innerhalb der Quantentechnologien, bei der einzelne Atome durch gezielte Anregung in sogenannte Rydberg-Zustände versetzt werden, um kontrollierbare und langreichweitige Wechselwirkungen zwischen Qubits zu ermöglichen. Diese Art von Qubits vereint die Stabilität neutraler Atome mit der außergewöhnlichen Kopplungsstärke hoch angeregter Zustände – ein seltenes, aber extrem wirkungsvolles Zusammenspiel.

Während supraleitende Schaltkreise und Ionenfallen bereits erfolgreich in kleinen Quantenprozessoren eingesetzt werden, hat sich in den letzten Jahren mit Rydberg-Qubits eine Plattform etabliert, die durch exzellente Skalierbarkeit, schaltbare Wechselwirkungen und lange Kohärenzzeiten besticht. Diese Technologie, die vor einigen Jahren noch als akademisches Nischenfeld galt, steht heute im Zentrum internationaler Forschungsinitiativen und Start-ups mit industriellen Ambitionen.

Der Aufstieg der neutralatomaren Quantenplattformen

Die Vision einer skalierbaren Quantenarchitektur erfordert kontrollierbare Qubits mit präziser Ansteuerung und definierter Kopplung. Während supraleitende Qubits durch elektronische Mikroschaltungen und Ionenfallen durch elektromagnetische Felder gesteuert werden, eröffnen neutralatomare Systeme einen alternativen Weg: Atome werden mit Laserlicht eingefangen und manipuliert – ohne jede elektrische Ladung, ohne komplexe Verdrahtung, oft sogar bei Temperaturen nahe dem absoluten Nullpunkt.

Der Aufstieg dieser Plattform begann mit der Entwicklung optischer Pinzetten („optical tweezers“) und Gittersysteme, mit denen Atome in regelmäßigen Abständen positioniert und individuell adressiert werden können. Neutralatomare Qubits bieten die Möglichkeit, viele Hundert oder Tausend identische Qubits in einem Gitter anzuordnen – bei äußerst geringer Crosstalk-Rate.

Was diesen Systemen jedoch ursprünglich fehlte, war eine Methode zur effektiven Kopplung zwischen Qubits – eine Voraussetzung für universelle Quantenberechnungen. Die Lösung: Rydberg-Zustände.

Was sind Rydberg-Qubits?

Rydberg-Qubits basieren auf der kontrollierten Anregung von Atomen in hoch angeregte Zustände, deren Hauptquantenzahl n \gg 1 beträgt. In diesen Zuständen befindet sich das äußere Elektron des Atoms in großer Entfernung zum Kern, wodurch das Atom extrem empfindlich auf elektrische Felder reagiert und mit benachbarten Atomen starke dipolare Wechselwirkungen eingehen kann.

Die typischen Zustände eines Rydberg-Qubits sind:

  • |0\rangle: Ein langlebiger Hyperfeinzustand des elektronischen Grundzustands
  • |1\rangle: Ein Rydberg-Zustand mit hoher Hauptquantenzahl, z. B. n = 70

Die Anregung erfolgt meist durch Zwei-Photonen-Laserprozesse, wobei Laserfrequenzen sorgfältig gewählt und stabilisiert werden müssen. Die charakteristische Kopplungsrate ist durch die sogenannte Rabi-Frequenz gegeben:

\Omega_R = \frac{\mu \cdot E}{\hbar}

Dabei steht \mu für das elektrische Übergangsdipolmoment, E für die Feldstärke des Lasers und \hbar für das reduzierte Plancksche Wirkungsquantum.

Im Gegensatz zu permanent gekoppelten Qubit-Plattformen kann die Wechselwirkung bei Rydberg-Qubits gezielt ein- und ausgeschaltet werden – ein entscheidender Vorteil für die Implementierung skalierbarer Architekturen.

Zudem wächst die Polarisierbarkeit eines Rydberg-Atoms stark mit der Hauptquantenzahl:

\alpha \propto n^7

Diese starke Abhängigkeit verdeutlicht, wie empfindlich solche Zustände auf externe Felder und auf benachbarte Qubits reagieren – eine notwendige Bedingung für Quantenlogikgatter auf Basis von Wechselwirkungen.

Warum Rydberg-Qubits eine Schlüsselrolle spielen

Rydberg-Qubits vereinen mehrere entscheidende Vorteile, die sie für zukünftige Quantencomputer und Quantensimulatoren hochinteressant machen:

Schaltbare Wechselwirkungen

Die Interaktion zwischen Qubits tritt nur dann auf, wenn sie in einen Rydberg-Zustand angeregt werden. Dadurch lässt sich das Qubit-System zwischen einem „inaktiven“ Zustand (isoliert) und einem „aktiven“ Zustand (interagierend) umschalten – eine Art Quanten-Schalter.

Hohe räumliche Auflösung und Skalierbarkeit

Durch optische Pinzetten lassen sich einzelne Atome in regelmäßigen Abständen (typisch 5{-}10,\mu\text{m}) in zwei- oder dreidimensionalen Arrays anordnen. Das erlaubt die Konstruktion von Quantenregistern mit Hunderten von Qubits – bei vergleichsweise einfacher Infrastruktur.

Lange Kohärenzzeiten

Im elektronischen Grundzustand sind neutralatomare Qubits extrem gut abgeschirmt gegenüber Umwelteinflüssen. Kohärenzzeiten im Bereich von mehreren Millisekunden sind heute experimentell realisiert.

Einzigartige Quantensimulation

Durch die kontrollierbare Kopplung lassen sich Spinmodelle, Frustrationen, topologische Zustände und Quantengitter realisieren. Rydberg-Qubits sind daher ein extrem leistungsfähiges Werkzeug für analoges und digitales Quantenrechnen gleichermaßen.

Aktive Forschung und Industrialisierung

Weltweit investieren sowohl Universitäten als auch Unternehmen massiv in diese Technologie. Projekte wie QuEra (USA), Pasqal (Frankreich) oder universitäre Initiativen an Harvard, Heidelberg, Garching und Delft zeigen: Rydberg-Qubits sind längst über den Laborstatus hinausgewachsen.s

Physikalischer Hintergrund

Rydberg-Zustände: Definition und Eigenschaften

Rydberg-Zustände sind extrem hoch angeregte Zustände eines Atoms, bei denen sich das äußerste Elektron in einer Bahn mit hoher Hauptquantenzahl n befindet. Diese Zustände wurden bereits im 19. Jahrhundert theoretisch beschrieben, haben jedoch erst in der modernen Quantentechnologie ihren experimentellen Durchbruch erlebt.

Hohe Hauptquantenzahl

Ein zentrales Merkmal von Rydberg-Zuständen ist die sehr hohe Hauptquantenzahl n, typischerweise im Bereich von n \approx 30 bis n \approx 100. Damit wächst der mittlere Abstand des Elektrons vom Atomkern gemäß:

\langle r \rangle \propto n^2

Ein Atom in einem Rydberg-Zustand ist daher oft mehr als hundertmal größer als im Grundzustand – mit Ausdehnungen von mehreren hundert Nanometern. Diese riesige Ausdehnung ist nicht nur spektakulär, sondern auch physikalisch bedeutsam: Sie erhöht die Empfindlichkeit gegenüber externen Feldern dramatisch.

Große Polarisierbarkeit

Die Polarisierbarkeit eines Atoms beschreibt seine Fähigkeit, durch ein äußeres elektrisches Feld ein Dipolmoment zu induzieren. Für Rydberg-Zustände gilt:

\alpha \propto n^7s

Diese starke Abhängigkeit führt dazu, dass schon sehr schwache Felder messbare Energieverschiebungen verursachen können. Diese Empfindlichkeit ist Grundlage für verschiedene Techniken wie die Stark-Verschiebung oder die gezielte Kontrolle von Übergängen über elektrische Felder.

Starke dipolare Wechselwirkungen

Einer der herausragendsten Effekte in Rydberg-Systemen ist die dipolare Wechselwirkung zwischen zwei benachbarten Rydberg-Atomen. Abhängig von der Art der Zustände dominiert entweder die van-der-Waals-Kopplung oder eine resonante Dipol-Dipol-Wechselwirkung. Für van-der-Waals-Wechselwirkungen gilt typischerweise:

V(r) = \frac{C_6}{r^6}

Dabei ist C_6 ein Zustand-spezifischer Wechselwirkungskoeffizient, der mit n^{11} skaliert:

C_6 \propto n^{11}

Daraus folgt: Bereits bei Abständen von wenigen Mikrometern können Energieverschiebungen im Megahertz-Bereich auftreten – stark genug, um Quantenoperationen mit hoher Treue zu realisieren.

Prinzip der Rydberg-Anregung

Rydberg-Zustände lassen sich nicht direkt aus dem elektronischen Grundzustand über einen Ein-Photonen-Übergang erreichen, da die benötigte Photonenenergie typischerweise im UV-Bereich liegt und schwer zu kontrollieren ist. Stattdessen nutzt man sogenannte Zwei-Photonen-Anregungsschemata.

Optische Anregung von Grundzuständen zu Rydberg-Niveaus

Ein Atom wird durch zwei Laserfelder von einem stabilen Grundzustand |g\rangle über einen Zwischenzustand |e\rangle in einen Rydberg-Zustand |r\rangle gebracht. Das Schema lautet:

|g\rangle \xrightarrow{\Omega_1} |e\rangle \xrightarrow{\Omega_2} |r\rangle

Wichtig ist dabei, dass der Zwischenzustand |e\rangle nur virtuell besetzt wird, um spontane Emission zu vermeiden. Die effektive Kopplung zwischen |g\rangle und |r\rangle ist dann durch eine effektive Rabi-Frequenz gegeben, die sich aus den Einzelkopplungen und der Detuning-Frequenz \Delta ergibt:

\Omega_{\text{eff}} = \frac{\Omega_1 \cdot \Omega_2}{2\Delta}

Nutzung von Lasern im Nahinfrarot- und UV-Bereich

Die Wahl der Lasersysteme hängt vom verwendeten Atom ab. Für Rubidium wird oft ein Zwei-Photonen-Schema mit Lasern bei etwa 780 nm und 480 nm verwendet. Andere Atome wie Caesium oder Strontium benötigen andere Wellenlängen, oft im nahen UV-Bereich.

Die Laserstabilität ist entscheidend, da Übergänge zu Rydberg-Zuständen sehr schmalbandig und feldempfindlich sind. Frequenzstabilisierte Diodenlaser mit Locking an Referenzresonatoren oder optischen Frequenzkämmen sind Standard in aktuellen Experimenten.

Rydberg-Blockade

Die sogenannte Rydberg-Blockade ist ein fundamentaler Effekt, der die kontrollierte Manipulation mehrerer Qubits in Rydberg-Systemen ermöglicht. Sie basiert auf der Tatsache, dass ein angeregtes Rydberg-Atom die energetische Umgebung seiner Nachbarn verändert.

Blockade-Effekt zwischen benachbarten Atomen

Wenn ein Atom in einen Rydberg-Zustand überführt wird, verschiebt sich das Rydberg-Niveau benachbarter Atome aufgrund der starken Wechselwirkung (siehe C_6-Skalierung). Ist diese Verschiebung größer als die Laserbandbreite oder die Rabi-Frequenz, ist eine Anregung benachbarter Atome blockiert:

\Delta E = \frac{C_6}{r^6} > \hbar \Omega

Dies bedeutet: Nur ein Atom innerhalb einer sogenannten Blockadekugel mit Radius R_b kann angeregt werden:

R_b = \left( \frac{C_6}{\hbar \Omega} \right)^{1/6}

Innerhalb dieses Radius ist die Mehrfachanregung effektiv unterdrückt – eine Art Quanten-Exklusionseffekt, der deterministische Kontrolle über kollektive Zustände erlaubt.

Voraussetzung für Zwei-Qubit-Gatter

Diese Blockade bildet die Grundlage für logische Zwei-Qubit-Gatter: Wird ein Kontroll-Qubit in den Rydberg-Zustand gebracht, kann das Ziel-Qubit nicht angeregt werden, was einer kontrollierten Operation entspricht. Dies ist die Basis für die Umsetzung von CNOT- oder CZ-Gattern in Rydberg-Systemen.

Die einfache Logik:

  1. Kontroll-Qubit wird vorbereitet
  2. Falls es sich in |1\rangle befindet → Blockade für das Ziel-Qubit
  3. Falls es sich in |0\rangle befindet → Ziel-Qubit kann manipuliert werden

Beispielhafte Erklärung mit Illustrationen (Gedankenexperiment)

Man stelle sich zwei Atome vor, die in einem Abstand von 5 µm nebeneinander in einer optischen Pinzette gefangen sind. Ohne Anregung verhalten sich beide unabhängig. Sobald eines in den Rydberg-Zustand gebracht wird, „drückt“ es durch die Wechselwirkung das Energielevel des anderen aus dem Resonanzbereich. Die Folge: Es bleibt im Grundzustand – obwohl der Laser „eigentlich“ auf die Anregung abgestimmt ist.

Dieses Phänomen lässt sich anschaulich mit der Vorstellung vergleichen, dass nur eine „große Kugel“ in eine enge Schale passt: Ist eine Kugel (ein Rydberg-Atom) bereits dort, blockiert sie den Platz für eine zweite.

Rydberg-Qubits im Kontext anderer Qubit-Technologien

Die Quantentechnologie befindet sich in einer Phase, in der verschiedene Qubit-Plattformen gleichzeitig untersucht, skaliert und miteinander verglichen werden. Zu den führenden Architekturen gehören supraleitende Qubits, Ionenfallen und zunehmend auch neutrale Atome mit Rydberg-Zuständen. Jede Plattform hat ihre eigenen Stärken, Schwächen und technischen Besonderheiten. Der Vergleich zeigt, wo Rydberg-Qubits heute stehen – und wohin sie sich entwickeln könnten.

Vergleich mit Ionenfallen und supraleitenden Qubits

Die etabliertesten Qubit-Plattformen sind derzeit:

  • Supraleitende Qubits: realisiert als Mikrowellenresonatoren in supraleitenden Schaltkreisen
  • Ionenfallen-Qubits: basierend auf elektromagnetisch gefangenen, geladenen Atomen
  • Rydberg-Qubits: neutralatomare Systeme mit Laseranregung in hoch angeregte Zustände

Ein Vergleich wichtiger Eigenschaften im Überblick:

Merkmal Supraleitende Qubits Ionenfallen Rydberg-Qubits
Kohärenzzeiten \sim 10{-}100,\mu\text{s} \sim 0.1{-}1,\text{s} \sim 0.1{-}10,\text{ms} (Grundzustand)
Gatterzeiten \sim 10,\text{ns} \sim 10{-}100,\mu\text{s} \sim 0.1{-}1,\mu\text{s}
Skalierbarkeit technisch herausfordernd begrenzt durch Coulomb-Abstoßung hoch durch 2D-Arrays
Temperaturbedarf \sim 10,\text{mK} (Dilution) \sim 300,\text{K} (UHV + Kühlung) \sim 10{-}100,\mu\text{K}
Kopplung kapazitiv/induktiv Coulomb-interaktiv dipolare Wechselwirkung

Während supraleitende Qubits mit hoher Integrationsdichte und schnellem Takten überzeugen, haben Ionenfallen in Bezug auf Kohärenzzeiten die Nase vorn. Rydberg-Qubits positionieren sich genau dazwischen – mit einer optimalen Balance aus Kohärenz, Interaktion und Skalierbarkeit.

Vorteile neutraler Atome

Lange Kohärenzzeiten

Im Gegensatz zu supraleitenden Schaltkreisen, die stets mit thermischem Rauschen kämpfen, befinden sich neutrale Atome in nahezu perfekten quantenmechanischen Grundzuständen. Die Kohärenzzeiten erreichen unter optimalen Bedingungen Werte von:

T_2 > 10,\text{ms}

Dies gilt insbesondere für Speicherzustände wie magnetfeldunabhängige Hyperfeinübergänge, die bei tiefen Temperaturen und geeigneter Abschirmung extrem robust gegen Störungen sind.

Skalierbarkeit durch optische Gitter oder Tweezers

Mit Hilfe fokussierter Laserstrahlen (optische Pinzetten) oder stehender Lichtwellen (optische Gitter) lassen sich große Arrays aus Einzelatomen erzeugen. Typische Abstände liegen im Bereich:

d \sim 5{-}10,\mu\text{m}

Dadurch können Hunderte bis Tausende Qubits auf einer Fläche von wenigen Quadratmillimetern untergebracht und individuell adressiert werden. Die Modularität solcher Systeme ist besonders attraktiv für verteiltes Quantenrechnen und Quantenkommunikationsnetzwerke.

Geringe Störanfälligkeit bei Raumtemperatur

Neutralatome sind elektrisch neutral und nur sehr schwach mit thermischen Fluktuationen oder elektromagnetischen Feldern koppelt. Selbst bei Umgebungstemperaturen von \sim 300,\text{K} sind stabile Experimente möglich, sofern die Atome zuvor lasergekühlt wurden. Viele Systeme benötigen daher keine kryogenen Kühlanlagen – ein massiver technologischer Vorteil gegenüber supraleitenden Qubits.

Herausforderungen

So vielversprechend Rydberg-Qubits auch sind – sie stehen vor spezifischen technischen Herausforderungen, die derzeit noch aktiv erforscht und weiterentwickelt werden.

Präzise Einzelatomkontrolle

Das Laden, Transportieren und Positionieren einzelner Atome erfordert hohe Stabilität in der optischen Pinzettengeometrie. Selbst kleinste Verschiebungen im Submikrometerbereich können die Interaktionen zwischen Qubits verändern oder zerstören. Eine dynamische Neuanordnung der Atome (z. B. durch Optical Conveyor Belts) ist experimentell zwar demonstriert, aber technologisch komplex.

Erzeugung starker und stabiler Laserfelder

Die Anregung in einen Rydberg-Zustand erfordert extrem genaue Laserpulse, typischerweise im UV- oder blauen Spektralbereich. Die Lasersysteme müssen folgende Anforderungen erfüllen:

  • Linienbreiten < 1,\text{MHz}
  • Intensitätsstabilität < 1,%
  • Frequenzstabilität über mehrere Sekunden

Kleine Fluktuationen in der Laserleistung oder -frequenz führen unmittelbar zu Fehlern bei der Zustandsevolution.

Dekohärenz durch externe Felder

Rydberg-Zustände sind hochempfindlich gegenüber elektrischen Feldern, da ihre Polarisierbarkeit mit n^7 skaliert. Unerwünschte elektrische oder magnetische Felder – z. B. durch Patch-Potenziale auf Oberflächen – führen zu Energieshift und Dephasierung:

\delta E \propto \alpha \cdot E^2 \propto n^7 \cdot E^2

Besonders kritisch ist dies in der Nähe von Oberflächen (z. B. bei Chip-basierten Quantensystemen), wo sich geladene Teilchen ansammeln können. Abschirmung, Feldkompensation und dynamisches Stabilisieren sind daher essenziell.

Technologische Realisierung

Die Umsetzung von Rydberg-Qubits in experimentellen Systemen basiert auf einer fein abgestimmten Kombination aus Lasertechnologie, Vakuumtechnik, optischer Manipulation und präziser Steuerung einzelner Atome. Im Folgenden werden die zentralen technologischen Säulen erläutert, die den praktischen Einsatz dieser Qubit-Plattform ermöglichen.

Optical Tweezers und Arrays

Einzelatom-Manipulation mittels fokussierter Laserfallen

Optical Tweezers“ – also optische Pinzetten – beruhen auf dem Prinzip des optischen Dipolpotentials. Ein fokussierter Laserstrahl erzeugt ein lokales Minimum im elektrischen Feld, das ein neutrales Atom anzieht und an der Fokussierungsstelle hält. Das erzeugte Potential lässt sich näherungsweise durch

U(r) = -\frac{1}{2} \alpha(\omega) |E(r)|^2

beschreiben, wobei \alpha(\omega) die frequenzabhängige Polarisierbarkeit des Atoms und E(r) die lokale Feldstärke ist.

Durch den Einsatz von Arrays aus mehreren solcher Pinzetten (z. B. mit akusto-optischen Modulatoren oder Phasenmodulationsgeräten) lassen sich zweidimensionale Gitter mit Hunderten von Fallen erzeugen. Typische Parameter sind:

  • Abstand zwischen Fallen: d \sim 5{-}10,\mu\text{m}
  • Fallenlänge: \sim 1{-}10,\mu\text{m}
  • Lebensdauer eines Atoms in der Falle: \sim 10{-}100,\text{s}

Dynamische Umlagerung von Atomen

Da Atome stochastisch in die Pinzetten geladen werden, sind viele Gitter zunächst teilbesetzt. Um eine vollbesetzte Matrix zu erzeugen, werden geladene Pinzetten erkannt und die besetzten Atome mithilfe eines dynamischen Lichtfelds umgelagert. Dies geschieht über sogenannte „moving tweezers“ – mobile Fallen, die Atome kontrolliert verschieben.

Ein Algorithmus optimiert dabei die Pfade, um minimale Heizraten und Reorganisationszeiten zu gewährleisten. Das Ergebnis sind deterministisch vollbesetzte Qubit-Register – eine wesentliche Voraussetzung für skalierbare Quantencomputer.

Kontrolle von Zuständen und Gattern

Ein- und Zwei-Qubit-Gatter mit Rydberg-Anregung

Die Steuerung der Qubitzustände erfolgt durch gezielte Laseranregung zwischen dem Grundzustand |0\rangle und dem angeregten Zustand |1\rangle = |r\rangle. Für ein Ein-Qubit-Gatter wird typischerweise ein Rabi-Puls mit kontrollierter Dauer und Phase eingesetzt, der eine Rotation auf der Blochkugel realisiert:

|\psi(t)\rangle = \cos\left( \frac{\Omega t}{2} \right) |0\rangle - i \sin\left( \frac{\Omega t}{2} \right) |1\rangle

Ein π-Puls erzeugt also:

|0\rangle \rightarrow -i|1\rangle

Für Zwei-Qubit-Gatter wird die Rydberg-Blockade genutzt. Das Grundprinzip basiert darauf, dass das Anregen eines Qubits das zweite blockiert – siehe auch Kapitel 3.3. Daraus ergeben sich kontrollierte Gatteroperationen mit hoher Treue.

Beispielhafte Implementierung eines CNOT-Gatters

Ein exemplarischer Ablauf für ein CNOT-Gatter mit Qubits A (Kontroll) und B (Ziel):

  1. π-Puls auf A: Falls A in |1\rangle ist, wird es in den Rydberg-Zustand gehoben
  2. π-Puls auf B: Dieser Puls wird durch die Blockade nur dann wirksam, wenn A in |0\rangle war
  3. π-Puls auf A: Rückkehr in den Ausgangszustand

Formal entspricht das der Operation:

\text{CNOT}_{AB} = |0\rangle_A \langle 0| \otimes X_B + |1\rangle_A \langle 1| \otimes \mathbb{I}_B

Aktuelle Experimente erreichen Gattertreuen von > 0{,}97 unter kontrollierten Laborbedingungen.

Messverfahren und Fehlerkorrektur

Fluoreszenzdetektion

Die Zustandsmessung erfolgt in Rydberg-Qubit-Systemen primär über resonante Fluoreszenz. Hierbei wird ein Laserpuls auf einen optischen Übergang gerichtet, der nur im Zustand |0\rangle (Grundzustand) erlaubt ist. Detektiert man Photonen, war das Qubit im Zustand |0\rangle; bleibt es dunkel, war es in |1\rangle.

Die Anzahl detektierter Photonen ist typischerweise im Bereich:

N_{\gamma} \sim 10{-}100

Dies ermöglicht eine Auslesefehlerwahrscheinlichkeit von unter 1 %.

State readout per Resonanz

Für präzise Auslese ist auch das sogenannte Shelving-Verfahren verbreitet. Hier wird ein Zwischenzustand benutzt, in den das Qubit überführt wird, bevor es fluoresziert. Dadurch kann die Messung zwischen mehreren Zuständen differenzieren – etwa zur Unterscheidung von |0\rangle, |1\rangle und „fehlendem Atom“.

Zur Fehlerkorrektur werden zunehmend Methoden aus der klassischen Fehlerdiagnostik mit Quantenmechaniken kombiniert – etwa:

  • Paritätsmessungen in 1D- oder 2D-Arrays
  • Redundante Kodierung in logischen Qubits
  • Dynamische Reinitialisierung fehlerhafter Atome

Ein wichtiger Trend ist die Nutzung von Mid-Circuit Measurements – also Messungen innerhalb eines Quantenalgorithmus, ohne das System komplett zu kollabieren.

Anwendungsspektrum und Innovation

Die Vielseitigkeit von Rydberg-Qubits zeigt sich nicht nur in ihrer physikalischen Eleganz, sondern auch in der Breite der Anwendungen. Von fundamentalen Simulationen über Quanteninformationsverarbeitung bis hin zur Quantenkommunikation bietet diese Plattform ein einzigartiges Spektrum, das sowohl theoretische als auch technologische Innovationen vorantreibt.

Quantensimulation

Simulation starker Korrelationen (z. B. Ising-Modelle)

Ein Hauptmotiv in der Quantenphysik ist das Verständnis stark korrelierter Vielteilchensysteme, etwa in Festkörpern oder Hochtemperatursupraleitern. Rydberg-Qubits sind ideal geeignet, um solche Systeme zu simulieren, da ihre Wechselwirkungen direkt durch die atomaren Abstände und Zustände kontrolliert werden können.

Das klassische transversale Ising-Modell lässt sich in Rydberg-Arrays mit folgendem Hamiltonian realisieren:

H = \sum_{i

Hierbei beschreiben J_{ij} die Kopplung zwischen Qubits i und j, die durch Rydberg-Wechselwirkungen gegeben ist. Der zweite Term modelliert transversale Felder über Laseranregung.

Solche Systeme erlauben es, Quantenglaszustände, Frustrationen und Quantenphasenübergänge direkt zu beobachten – mit Einzelatomauflösung.

Topologische Phasen und Spinflüssigkeiten

Topologische Materiezustände wie Spinflüssigkeiten, Zitterbewegungen und symmetriegeschützte Phasen lassen sich mit Rydberg-Qubits in synthetischen Gittern untersuchen. Durch geeignete Laserfelder kann man komplexe Kopplungen erzeugen, die nicht lokal im Raum, sondern global in der Topologie wirken.

Ein Beispiel ist die Simulation von Z2-Gittern, in denen emergente Quasiteilchen entstehen, deren Statistik sich deutlich von Fermionen oder Bosonen unterscheidet.

Diese Art von Quantensimulation ist besonders wertvoll für das Design neuer Materialien – z. B. topologischer Isolatoren oder Quantenspinsysteme mit nicht-trivialer Verschränkung.

Quanteninformationsverarbeitung

Gatterbasierte Quantenalgorithmen

Mit Rydberg-Qubits lassen sich universelle Quantenalgorithmen realisieren, etwa:

Der universelle Charakter ergibt sich aus der Fähigkeit, sowohl Ein-Qubit- als auch Zwei-Qubit-Gatter mit hoher Treue und Steuerbarkeit zu implementieren. Die zugrunde liegende Logik folgt dem Standardmodell der Quanteninformation:

\mathcal{U} = \prod_{i,j} U_{ij}^{\text{(2Q)}} \cdot \prod_k U_k^{\text{(1Q)}}

Dabei sind U_{ij}^{\text{(2Q)}} Zwei-Qubit-Gatter, z. B. CZ- oder CNOT-Gatter, und U_k^{\text{(1Q)}} Rotationen auf der Blochkugel.

Ansätze zu fehlerresistenten Architekturen

Ein zentraler Zukunftsaspekt ist die Entwicklung fehlertoleranter Quantenarchitekturen auf Basis von Rydberg-Qubits. Hierzu gehören:

  • Surface Codes auf 2D-Arrays
  • Bacon-Shor-Codes auf rekonfigurierbaren Liniengittern
  • Bosonische Codes über kollektive Zustände mehrerer Atome

Fehlerkorrektur basiert auf der Fähigkeit, Paritätsmessungen und aktive Reinitialisierungen durchzuführen – beides ist in Rydberg-Plattformen zunehmend experimentell möglich.

Ein Beispiel ist die Kombination aus Mid-Circuit Measurement und Re-Load von Atomen in defekten Gitterstellen, um logische Qubits über viele Gatterzyklen stabil zu halten.

Quantenkommunikation

Verschränkung über Rydberg-Interaktionen

Eine der vielversprechendsten Anwendungen von Rydberg-Qubits liegt in der Generierung und Verteilung von Verschränkung. Durch kontrollierte Anregung und kollektive Effekte wie Rydberg-Blockade lassen sich hochgradig verschränkte Zustände erzeugen:

|\psi\rangle = \frac{1}{\sqrt{2}} \left( |0\rangle^{\otimes N} + |W\rangle \right)

Dabei bezeichnet |W\rangle einen kollektiven Zustand mit genau einem Rydberg-Atom im Ensemble – ein nützliches Grundelement für Quantenrepeater.

Möglichkeiten zur Quantenrepeater-Integration

Langstreckige Quantenkommunikation ist auf die Verteilung von Verschränkung über Distanzen angewiesen. Rydberg-Qubits ermöglichen dies durch Kombination von optischer Ankopplung (z. B. mittels Einzelphotonenemission) und lokaler Verarbeitung.

Ein mögliches Quantenrepeater-Schema:

  1. Lokal erzeugte Verschränkung zwischen Atom und Photon
  2. Übertragung des Photons zu einem anderen Knoten
  3. Verschränkungs-Swapping über Rydberg-Kopplung
  4. Reinitialisierung der Qubits für das nächste Bit

Rydberg-Plattformen können damit als hybride Schnittstelle zwischen Materie und Licht dienen – ein wesentlicher Baustein für das zukünftige Quanteninternet.

Forschungsstand und zentrale Akteure

Die rasante Entwicklung von Rydberg-Qubits in den letzten zehn Jahren ist nicht zuletzt das Ergebnis konzentrierter Forschungsanstrengungen weltweit. Akademische Einrichtungen, nationale Forschungszentren und private Unternehmen tragen gemeinsam dazu bei, das volle Potenzial dieser Plattform zu erschließen – mit einer beeindruckenden Kombination aus Theorie, Experiment und technischer Umsetzung.

Wichtige Institute und Projekte

QuEra Computing (USA): Kommerzielle Rydberg-Qubit-Plattform

QuEra mit Sitz in Boston gilt als das weltweit führende Unternehmen für Rydberg-basierte Quantencomputer. Aufbauend auf der Forschung der Harvard University und des MIT entwickelt QuEra Systeme mit über 256 Qubits, die über optische Tweezers in 2D-Arrays organisiert sind. Das Flaggschiffprodukt „Aquila“ ist öffentlich über Amazon Braket zugänglich und bietet eine der größten derzeit verfügbaren neutralatomaren Quantenplattformen.

Besonders innovativ ist QuEras Fähigkeit zur dynamischen Rekonfiguration von Qubit-Layouts innerhalb eines laufenden Algorithmus – ein Alleinstellungsmerkmal im heutigen Quantencomputing.

Institut d’Optique, Frankreich: Pionierarbeiten an Rydberg-Gittern

Das Laboratoire Charles Fabry am Institut d’Optique in Palaiseau ist eine der zentralen europäischen Einrichtungen im Bereich Rydberg-Quantenphysik. Unter Leitung von Antoine Browaeys wurden dort die ersten deterministisch geladenen 2D-Gitter mit über 100 neutralen Atomen realisiert. Die Plattform dient sowohl zur digitalen Quanteninformationsverarbeitung als auch zur analogen Simulation komplexer Quantensysteme.

Die Gruppe ist besonders bekannt für ihre Arbeit an Spinmodellen, Frustrationen und Quantenphasen in Rydberg-Arrays.

Harvard University: Arrays und Gatter mit über 300 Atomen

Die Harvard Quantum Initiative unter Leitung von Mikhail Lukin zählt zu den international einflussreichsten Gruppen auf diesem Gebiet. Herausragend sind Experimente mit mehr als 300 neutralen Atomen in rekonfigurierbaren Geometrien – u. a. für die Simulation von Gittermodellen und zur Demonstration von Quanten-Vorteilen bei kombinatorischen Problemen.

Die Kombination aus Theorie, Hardwareentwicklung und algorithmischer Forschung macht Harvard zu einem globalen Zentrum für Rydberg-Quantenarchitekturen.

TU München / MPQ Garching: Starke Beiträge zur Theorie

Die Theoretische Quantenoptik-Gruppe an der TU München sowie das Max-Planck-Institut für Quantenoptik (MPQ) in Garching tragen mit fundamentalen Arbeiten zur Theorie der Rydberg-Wechselwirkungen, Fehlermodelle und skalierbarer Architekturen bei.

Ein Schwerpunkt liegt in der Beschreibung kollektiver Phänomene, Topologieeffekte und der Entwicklung numerischer Werkzeuge zur Optimierung von Gattersequenzen und Simulationen.

Führende Wissenschaftler

Mikhail Lukin (Harvard University)

Lukin ist einer der einflussreichsten Theoretiker und Experimentalphysiker im Bereich Rydberg-Qubits. Er ist Mitgründer von QuEra und treibende Kraft hinter zahlreichen Konzepten, wie der Rydberg-Blockade, neutralatomaren Gattern und topologischen Quantensimulatoren.

Seine Arbeiten verbinden fundamentale Physik mit skalierbarer Quantentechnologie und wurden mehrfach in Nature und Science publiziert.

Antoine Browaeys (Institut d’Optique)

Browaeys ist führender Experimentalphysiker im Bereich optischer Tweezers und neutralatomarer Arrays. Seine Gruppe hat viele der zentralen Konzepte – etwa die deterministische Umlagerung von Atomen, Einzelatomdetektion und geometrisch konfigurierbare Spinmodelle – experimentell umgesetzt.

Er zählt zu den Pionieren bei der Umsetzung komplexer Gittergeometrien mit kontrollierten Rydberg-Zuständen.

Mark Saffman (University of Wisconsin–Madison)

Saffman ist einer der ersten Forscher, die praktische Protokolle für logische Gatter mit Rydberg-Qubits entwickelt und experimentell getestet haben. Er hat mehrere wichtige Beiträge zur Theorie und Praxis von Zwei-Qubit-Gattern, Verschränkungsprotokollen und Fehlermodellen geleistet.

Seine Gruppe arbeitet eng mit industriellen Partnern an der Übersetzung dieser Grundlagen in skalierbare Hardware.

Jakob Reichel (École Normale Supérieure, Paris)

Reichel ist Experte für Chip-basierte Neutralatomfallen und Quantenoptik im Mikromaßstab. Seine Beiträge zur Integration von Atomen mit Mikroresonatoren und zur Realisierung von Quantenmessungen auf atomaren Chips sind wegweisend für miniaturisierte und transportable Rydberg-Qubit-Systeme.

Darüber hinaus hat er Pionierarbeit im Bereich Hybrid-Plattformen geleistet, bei denen Rydberg-Systeme mit anderen Qubit-Typen kombiniert werden.

Ausblick: Rydberg-Qubits als Zukunft der Quanteninformation

Rydberg-Qubits stehen derzeit an der Schwelle vom Labor zur industriellen Anwendung. Ihre physikalischen Eigenschaften, die modulare Architektur und die Fortschritte bei Gattertreue und Skalierung machen sie zu einem ernstzunehmenden Kandidaten für den Aufbau universeller Quantenprozessoren. Während supraleitende und ionenbasierte Systeme weiterhin dominieren, öffnen Rydberg-Qubits eine neue Richtung – insbesondere durch ihre flexible Geometrie und das Potenzial für großflächige, rekonfigurierbare Qubit-Arrays.

Skalierungsperspektiven

Tausende Qubits durch Re-Arrangement und Modularisierung

Durch die Kombination aus optischer Umlagerung, dicht gepackten Arrays und optischer Gittertechnologie lassen sich künftig Systeme mit mehreren Tausend Rydberg-Qubits realisieren. Erste experimentelle Systeme arbeiten bereits mit über 300 Qubits – etwa in Harvard oder bei QuEra.

Entscheidend für die Skalierung ist nicht nur die Anzahl der Atome, sondern auch ihre adressierbare Konfiguration. Die Möglichkeit, Qubit-Layouts dynamisch zu rekonfigurieren, erlaubt eine anwendungsoptimierte Strukturierung, z. B. für 1D-Ketten, 2D-Gitter oder komplexe Graphenmodelle.

Ein weiterer Weg zur Skalierung sind modulare Architekturen: Mehrere Qubit-Register werden über photonische Schnittstellen, Rydberg-mediated gates oder Bus-Systeme verbunden. Diese Strategie erlaubt ein verteiltes, aber kohärent verknüpftes Quantenrechnersystem.

Hybride Architekturen mit photonischen oder supraleitenden Interfaces

Ein vielversprechender Trend ist die Kombination von Rydberg-Qubits mit anderen Qubit-Plattformen – etwa durch:

  • Photonische Interfaces, bei denen Rydberg-Atome mit Einzelphotonen verschränkt und zur Fernkopplung eingesetzt werden
  • Supraleitende Resonatoren, die als Bus-Elemente fungieren und schnelle, hochfrequente Anregungen ermöglichen
  • Kavitäts-QED-Systeme, in denen Atome in Rydberg-Zustände über Spiegelresonatoren mit hoher Kohärenz gekoppelt werden

Ziel ist die Verbindung der Vorteile verschiedener Plattformen: die lange Kohärenz der Atome mit der Geschwindigkeit supraleitender Systeme und der Reichweite photonischer Elemente.

Kommerzielle Verwertung

Startups und Spin-Offs (z. B. Pasqal, QuEra)

Die Kommerzialisierung von Rydberg-Qubits hat längst begonnen. Neben QuEra (USA) ist vor allem Pasqal (Frankreich) hervorzuheben – ein Spin-Off des Institut d’Optique unter Mitwirkung von Antoine Browaeys. Pasqal bietet analog und digital kontrollierbare Quantenprozessoren mit Rydberg-Arrays an, die auf reale Industrieprobleme zugeschnitten sind: z. B. Optimierung, Energiemodelle oder maschinelles Lernen.

Beide Unternehmen verfolgen unterschiedliche Ansätze:

  • Pasqal: Fokussierung auf analoges Quantencomputing (z. B. Quantenannealing, Quantensimulation)
  • QuEra: Hybridarchitektur mit digitalem Zugriff und Cloud-Integration

Rolle in Cloud-Quantencomputing-Angeboten

Die Integration von Rydberg-basierten Systemen in Cloud-Dienste markiert einen Meilenstein: QuEra’s Prozessor Aquila ist bereits über Amazon Braket verfügbar und erlaubt öffentlichen Zugriff auf eine 256-Qubit-Plattform.

Auch Pasqal plant die Bereitstellung von APIs über Plattformen wie Azure Quantum und Qiskit. Damit werden Rydberg-Qubits erstmals für Entwickler und Unternehmen außerhalb der Forschung direkt nutzbar.

Langfristig könnten solche Plattformen sowohl für klassische Unternehmen als auch für Quantenentwickler neue Horizonte öffnen – z. B. in Materialdesign, Verkehrsoptimierung oder KI-Hardware.

Rolle in europäischen Quantenprogrammen

EU Quantum Flagship

Das EU-finanzierte Quantum Flagship ist eines der größten Forschungsprogramme Europas im Bereich Quantentechnologien – mit einem Budget von über 1 Milliarde Euro. Rydberg-Technologien sind integraler Bestandteil dieses Programms, z. B. in den Projekten:

  • PASQuanS (Programmable Atomic Large-Scale Quantum Simulators)
  • AQUA – Entwicklung neutralatomarer Algorithmen und Architekturen
  • QUICHE – Quantenkommunikation mit hybriden Elementen

Ziel ist der Aufbau eines europäischen Ökosystems, das alle Schlüsselkomponenten – von Hardware über Software bis hin zur industriellen Umsetzung – integriert.

Nationale Strategien in Deutschland, Frankreich, Niederlande

Auch auf nationaler Ebene werden Rydberg-Qubits gezielt gefördert:

  • Deutschland: Starke Einbindung in die Hightech-Strategie und die „QuNet“-Initiative zur Quantenkommunikation. Forschungsstandorte wie Garching, München und Jülich sind aktiv an Rydberg-Forschung beteiligt.
  • Frankreich: Nationale Unterstützung von Pasqal und dem Institut d’Optique. Rydberg-Systeme werden als Schlüsselelement in der nationalen KI- und Quantentechnologieinitiative angesehen.
  • Niederlande: Fokus auf hybride Systeme in Delft (QuTech) und Quantenknoten auf Basis neutraler Atome. Zusammenarbeit mit Photonik und Supraleitung.

Diese Maßnahmen zeigen, dass Europa auf dem Weg ist, eigene technologische Souveränität im Quantenbereich zu etablieren – und Rydberg-Qubits spielen dabei eine zentrale Rolle.

Fazit

Zusammenfassung der Stärken

Rydberg-Qubits haben sich in den letzten Jahren von einem theoretischen Konzept zu einer ernstzunehmenden, technologisch greifbaren Quantenplattform entwickelt. Ihre zentralen Stärken sind:

  • Schaltbare, starke Wechselwirkungen: Durch die Rydberg-Blockade lassen sich deterministische Zwei-Qubit-Gatter mit hoher Präzision umsetzen.
  • Hohe Kohärenzzeiten: Im Grundzustand isolierte Atome bieten Speicherzeiten im Millisekundenbereich.
  • Skalierbarkeit: Durch optische Arrays sind großflächige, rekonfigurierbare Qubit-Strukturen mit Hunderten bis Tausenden von Qubits möglich.
  • Flexible Geometrien: Dynamisch anpassbare Qubit-Layouts ermöglichen anwendungsspezifische Strukturen – ein Vorteil für Simulation und Optimierung.
  • Breites Anwendungsspektrum: Von digitalem Quantencomputing über analoge Quantensimulation bis hin zu Quantenkommunikation und hybriden Architekturen.
  • Modularität: Rydberg-Systeme lassen sich sowohl einzeln als auch in Kombination mit photonischen oder supraleitenden Systemen einsetzen.

All dies macht Rydberg-Qubits zu einer technologisch vielseitigen, wissenschaftlich fundierten und strategisch wichtigen Plattform im globalen Wettlauf um das Quantencomputing.

Bewertung im globalen Wettbewerb

Im weltweiten Vergleich der Qubit-Plattformen positionieren sich Rydberg-Qubits als ernstzunehmender Herausforderer zu Ionenfallen und supraleitenden Schaltkreisen. Insbesondere folgende Aspekte sprechen für ihre Wettbewerbsfähigkeit:

  • USA: Mit Harvard, MIT und QuEra ist die USA klarer Vorreiter im Bereich großskaliger Rydberg-Prozessoren. Die Integration in Cloud-Dienste (Amazon Braket) signalisiert Technologiereife.
  • Europa: Mit Pasqal, dem Institut d’Optique, Delft und Garching entwickelt sich Europa zu einem starken Gegenpol, unterstützt durch koordinierte Forschungsprogramme (Quantum Flagship).
  • Asien: China und Südkorea investieren zunehmend in neutrale Atome – allerdings mit stärkerem Fokus auf optische Gitter und Kommunikation.

Was Rydberg-Qubits im internationalen Vergleich besonders macht, ist ihr Balanceprofil: Sie kombinieren viele Vorteile konkurrierender Plattformen, ohne deren Einschränkungen vollständig zu übernehmen.

Warum Rydberg-Qubits das Zeug zur führenden Plattform haben

Die Frage, ob Rydberg-Qubits die führende Technologie im Quantencomputing werden, lässt sich mit zunehmender Gewissheit beantworten: Sie haben das Potenzial dazu. Denn:

  • Sie sind physikalisch sauber und kontrollierbar, ohne auf extreme Kühlung oder komplexe Mikrowellenschaltungen angewiesen zu sein.
  • Sie sind skalierbar, rekonfigurierbar und ermöglichen flexible Architektur-Designs für unterschiedlichste Quantenalgorithmen.
  • Sie sind industrienah, mit Startups wie QuEra und Pasqal, die bereits funktionierende Produkte und Schnittstellen liefern.
  • Sie sind zukunftsweisend, durch Integration in hybride Systeme, Quantenkommunikationsprotokolle und Quanteninternet-Schnittstellen.
  • Und sie sind grundlagenstark, mit einem soliden theoretischen und experimentellen Fundament, das von weltweit führenden Forschungsgruppen gelegt wurde.

Wenn technologische Reife, wissenschaftliche Tiefe und industrielle Anschlussfähigkeit die Kriterien einer „führenden Plattform“ sind, dann erfüllen Rydberg-Qubits alle drei – und das mit zunehmender Dynamik.

Mit freundlichen Grüßen Jörg-Owe Schneppat

Anhang: Forschungsnetzwerke, Institute und zentrale Personen im Bereich der Rydberg-Qubits

Der Forschungsbereich der Rydberg-Qubits ist hochgradig interdisziplinär und global verteilt. Die nachfolgenden Institutionen und Akteure sind nicht bloß namentlich beteiligt – sie prägen aktiv die experimentelle Umsetzung, die theoretische Weiterentwicklung, die technologische Skalierung und die Kommerzialisierung dieser Plattform. Im Folgenden sind die wesentlichen Knotenpunkte des internationalen Forschungsnetzwerks zusammengestellt – ergänzt um kontextuelle Erläuterungen und direkte Zugangslinks für vertiefende Recherchen.

Forschungseinrichtungen und Projekte (nach Kontinenten geordnet)

USA

  • QuEra Computing Inc. (Boston, Massachusetts) https://www.quera.com → Spin-off von Harvard/MIT. Entwicklung eines skalierbaren, kommerziellen Quantenprozessors mit Rydberg-Qubits („Aquila“). Führend in 2D-Qubit-Arrays, Cloud-Zugriff (Amazon Braket) und dynamischer Gitterrekonfiguration. Eng verzahnt mit Mikhail Lukins Gruppe an der Harvard University.
  • Harvard Quantum Initiative https://quantum.harvard.edu → Forschungsschwerpunkt auf neutralatomaren Quantenregistern mit Rydberg-Kopplung. Über 300 Atome in rekonfigurierbaren Gittern. Enge Anbindung an Theorie (Lukin) und Technologie (QuEra). Fokus auf Quanten-Vorteile, Topologie, Verschränkung.
  • University of Wisconsin–Madison, Physics Department https://saffman.physics.wisc.edu → Gruppe von Mark Saffman. Pionierarbeiten an Zwei-Qubit-Gattern, Skalierbarkeit, Fehlerquellenanalyse in Rydberg-Systemen. Zusammenarbeit mit industriellen Partnern zur Hardwareintegration.

Europa

  • Institut d’Optique (Laboratoire Charles Fabry), Palaiseau (Frankreich) https://www.institutoptique.fr → Eine der weltweit ersten Gruppen, die deterministische Arrays neutraler Atome realisiert haben. Leitung durch Antoine Browaeys. Forschungsschwerpunkte: Quantensimulation, Spinmodelle, Einzelatomkontrolle, Pasqal-Gründungsort.
  • Pasqal (Paris) https://pasqal.com → Kommerzielles Spin-Off aus dem Institut d’Optique. Fokus auf analoges und digitales Quantencomputing mit Rydberg-Qubits. Kooperation mit Airbus, Siemens, EDF u. a. Schwerpunkt auf reale Industrieanwendungen und europäische Cloud-Zugänge (Qubit-as-a-Service).
  • Max-Planck-Institut für Quantenoptik (MPQ), Garching https://www.mpq.mpg.de → Theoretische Grundlagenforschung zu Rydberg-Wechselwirkungen, topologischen Phasen und Fehlerkorrektur. Enge Verzahnung mit experimentellen Plattformen in München und weltweit.
  • Technische Universität München (TUM), Lehrstuhl für Quantenoptik https://www.ph.tum.de → Physikalische Modellierung von Rydberg-Systemen, numerische Simulationen, Kopplung zu photonischen und supraleitenden Systemen. Teilnahme an EU-Großprojekten (z. B. PASQuanS).
  • École Normale Supérieure (ENS), Paris https://www.phys.ens.fr → Jakob Reichels Gruppe: Atom-Chip-Technologien, Integration von neutralen Atomen in miniaturisierte Umgebungen. Hybridkonzepte mit hoher Relevanz für mobile Quantenprozessoren.
  • QuTech, Delft University of Technology (Niederlande) https://qutech.nl → Interdisziplinäres Zentrum für skalierbare Quantentechnologie. Forschung an hybriden Architekturen mit Rydberg-Qubits, Photonik und Supraleitung. Beteiligung am europäischen Quantennetzwerk „Quantum Internet Alliance“.

EU-Forschungsprogramme

  • EU Quantum Flagship https://qt.eu → Mehrjährige Großförderung für Quanteninfrastruktur, Hardwareentwicklung und Algorithmik. Rydberg-Qubits sind u. a. über folgende Projekte eingebunden:
    • PASQuanS (Programmable Atomic Large-Scale Quantum Simulators): Skalierung von Rydberg-Systemen für simulationsbasierte Anwendungen
    • AQUA: Quantenalgorithmen für neutrale Atome
    • QuCom (Quantum Communication): Quantenrepeater mit Rydberg-Schnittstellen

Führende Wissenschaftler – Profile und Forschungsgebiete

  • Prof. Dr. Mikhail Lukin (Harvard University) https://lukin.physics.harvard.edu → Physiker mit bahnbrechenden Beiträgen zur Rydberg-Blockade, Verschränkung, Quantenoptik. Mitgründer von QuEra. Schlüsselperson für die Verbindung von Theorie und Hardwareentwicklung. Arbeiten u. a. zu Rydberg-Verschränkung, topologischer Ordnung, Quanten-Vorteil.
  • Prof. Dr. Antoine Browaeys (Institut d’Optique) https://quantique.u-psud.fr/en/members/antoine-browaeys → Experimentator. Spezialisiert auf Einzelatomfallen, Gittergeometrien, deterministisches Atom-Loading. Wegbereiter für die Entstehung von Pasqal. Umfangreiche Arbeiten zu Quantenphasenübergängen in Rydberg-Gittern.
  • Prof. Dr. Mark Saffman (University of Wisconsin) https://saffman.physics.wisc.edu → Theoretiker und Experimentalphysiker. Pionier in der Implementierung logischer Gatter mit Rydberg-Atomen. Spezialist für Fehlermodelle, Multi-Qubit-Gatter und robuste Ansteuerungsschemata.
  • Prof. Dr. Jakob Reichel (ENS Paris) https://www.phys.ens.fr/~reichel → Spezialist für atomare Mikrosysteme, Atomchips und hybride Plattformen. Verbindet klassische Mikrostrukturtechnik mit hochpräziser Quantentechnologie – etwa zur Entwicklung kompakter, transportabler Rydberg-Systeme.